Melanie Kleinschmidt: „Der hebräische Musikgeschmack“

Wagner, Meyerbeer und der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts

Lüge und Wahrhaftigkeit in der deutsch-jüdischen Musikkultur, KlangZeiten, Band 12, Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2015 – www.boehlau.de

Cover_Kleinschmidt

Foto: Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien

Die Forschungsliteratur zu Richard Wagner differenziert sich in den letzten Jahren nicht nur weiter aus, sondern beschäftigt sich zunehmend auch mit seinen Schattenseiten. Dabei rückt die Tatsache in den Blick, dass er nichts weniger als ein deutscher Komponist war, sondern wie jeder andere Komponist von Rang international beeinflusst wurde. In diesem Zusammenhang steht die Dissertation von Melanie Kleinschmidt „Der hebräische Kunstgeschmack. Lüge und Wahrhaftigkeit in der deutsch-jüdischen Musikkultur“. Sie geht vom antisemitischen Artikel „Das Judentum in der Musik“ aus, den Wagner zunächst unter einem Pseudonym herausgab, ehe er ihn, bezeichnenderweise erst nach dem Tode seines jüdischen Lehrmeisters Giacomo Meyerbeer, unter eigenem Namen veröffentlichte. Kleinschmidt stellt diesen Artikel glücklicherweise nicht als solitäres Ereignis dar, sondern interpretiert ihn im großen Kontext der Antisemitismusdebatte jener Zeit. Zur Einordnung sei erwähnt, dass Meyerbeer Wagner anfangs in Paris und auch später in Berlin förderte und sein Einfluss auf Wagner (so Dahlhaus im Wagner-Handbuch von 1986) sogar bis in den „Parsival“ hineinreicht.

Zu Beginn ihrer Arbeit setzt sich Melanie Kleinschmidt mit den Begriffen Authentizität, Epigonalität, Originalität und Wahrhaftigkeit auseinander. Diese Begriffe kamen im 19. Jahrhundert auf und stehen in engen Zusammenhang mit dem des Geniekults, der damals ebenfalls populär wurde. Die drei positiv besetzten Begriffe Authentizität, Originalität und Wahrhaftigkeit gehören für sie eng zusammen, bezeichnen sie doch einen Stil, der nach einem wahrhaften, neuartigen und einmaligen Ausdrucksvermögen strebt. Demgegenüber bezeichnet die negativ konnotierte Epigonalität einen Stil, der sich einfach nur darin erschöpft, bekannte Stile zu imitieren, ohne wirklich Neues zu schaffen. Die Autorin weist zu Recht darauf hin, daß sich jeder Komponist zumindest in seinen Lehrjahren an älteren Komponisten orientiert und damit auch deren Stil übernimmt. Auch in Werken, die zur Hauptphase des jeweiligen Komponisten gehören, lassen sich häufig Anleihen an ältere Kompositionsformen finden, sodass das geschilderte Gegensatzpaar eigentlich obsolet und nur dem Geniekult des 19. Jahrhunderts geschuldet ist. Auch Richard Wagner steht in dieser Tradition, Altes mit Neuem zu verbinden – internationale Einflüsse auf seine Arbeit hat er jedoch immer wieder unter Hinweis auf den Geniekult verschleiert.

Ein weiterer anregender Aspekt, auf den Kleinschmidt eingeht, betrifft die nationale Schule. Unter dem Begriff versteht man die Vereinnahmung von Künstlern im Zuge der Nationalstaatsbildung des 19. Jahrhunderts, wobei Komponisten wie Verdi oder Wagner als Heroen ihres jeweiligen Landes stilisiert wurden. Die Autorin führt in Paraphrase der Fachliteratur zu diesem Thema aus, dass es keinerlei innerkünstlerische Parameter gebe, die einen nationalen Stil ausreichend charakterisierten. Ein gutes Beispiel für die Problematik ist Meyerbeer, der deutsche, italienische und französische Opern schrieb und damit in der Tradition Mozarts stand, welcher ebenfalls italienische Opern und deutsche Singspiele verfasst hatte. Manche Komponisten waren in der Lage, sich ihre Wurzeln einzugestehen, andere weniger, und viele wurden bei der Nationalstaatsbildung als Aushängeschild missbraucht, ohne dass es dafür stichhaltige kompositorische Gründe gegeben hätte. Zudem haben manche Komponisten diese Entwicklung aus wirtschaftlichem Eigeninteresse noch gefördert. Dass international ausgerichtete Komponisten wie Meyerbeer und Mozart vor diesem Hintergrund ausgegrenzt wurden, ist eine rein politische Einschränkung ihrer Rezeption, die bar jeglicher kompositorischer Gegebenheiten ist.

Außer der musikalischen Dimension des Themas widmet sich Kleinschmidt dem geistesgeschichtlichen Umfeld, wozu auch die Frage gehört, wie beide Kirchen und insbesondere das Luthertum sich zur Judenfrage verhielten und wie Wagner als Lutheraner selbst damit umging. Auch führt sie die Brüche in Wagners Argumentation aus, denn der Komponist lobte Meyerbeer in der Kritik zu dessen Oper „Die Hugenotten“ überschwänglich, während er sich später, wie der zitierte Aufsatz zeigt, offen feindselig gegenüber Meyerbeer zeigte. Dass auch die Hugenottenrezension ernst gemeint und nicht nur eine Anbiederung an den einflussreichen Komponisten war, stellt sie ebenso dar wie auf der anderen Seite die stete Ablehnung von Integrationsversuchen deutschjüdischer Kreise durch Gruppierungen, zu denen auch Wagner gehörte. Der von Kleinschmidt zitierte Hauptvorwurf besagte, dass sich Juden zwar nach außen anpassten, die Kultur, in der sie lebten, aber nicht wirklich verstünden.

Allgemein zeichnet sich die Arbeit durch einen breiteren kulturgeschichtlich und historisch geprägten Ansatz aus, wobei die Autorin die verschiedenen Aspekte auf hohem sprachlichem und intellektuellem Niveau verbindet. Dabei schreibt sie gut lesbar und nicht ohne einen Anflug von Humor. Es bleibt zu hoffen, daß diese Arbeit dazu beiträgt, die gegenwärtig sich vollziehende Meyerbeer-Renaissance weiter zu fördern, aber auch zu begreifen, dass man Wagner nicht abwertet, wenn man bei ihm wie bei vielen anderen Komponisten von Rang Originalität und Epigonalität zugleich erkennt.

Arkadi Junold

 

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