Udo Bermbach: Houston Steward Chamberlain

Wagneropern und Rassetheorien

Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker, J.B. Metzler, Stuttgart 2015 – www.metzlerverlag.de

Cover Bermbach

Foto: Verlag J.B. Metzler, Stuttgart

Der Politikwissenschaftler Udo Bermbach hat sich vielfach sachkundig und differenziert mit der Frage auseinandergesetzt, wie man das Phänomen Richard Wagner und seine Folgen in den zeit- und politikgeschichtlichen Kontext stellen kann. In dem Buch „Houston Steward Chamberlain. Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker“ beschäftigt er sich nicht nur mit einer Person, die als intellektueller Vordenker des Wagnerkreises gilt, sondern die auch für Wagners arische Theologie in seinen Opern steht. Auch die Biographie Chamberlains bettet er in einen allgemeingeschichtlichen Kontext ein. Dass die Bewertung sehr vorsichtig geschieht, kann bei Bermbach vorausgesetzt werden.

Zunächst gibt Bermbach profunde Informationen zu Chamberlains Lebensgeschichte und geht auf dessen Wagnerbild ein. Er analysiert die wichtigste Schrift dieses Autors, „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“, um sich dann mit der Rezeption des Werks sowohl zur Entstehungszeit als auch unter den Nazis zu beschäftigen. In diesen Kontext gehört die Beschreibung des arischen Christentums als Spielart des deutschen Protestantismus wie auch der damaligen Rassetheorien; ihre Unhaltbarkeit schon zur Zeit der Entstehung arbeitet Bermbach deutlich heraus. Interessant ist auch, dass Chamberlain zu Beginn im Wagnerclan insofern eine Außenseiterstellung innehatte, als er sich weigerte, den Komponisten nur nach der offiziellen Lesart seiner Familie zu interpretieren, und auch andere Ansätze zuließ. Die Bayreuther Lesart war Chamberlain schlicht zu dogmatisch auf eine kunstreligiöse Stilisierung Wagners hin ausgerichtet, die teilweise sogar sektenhafte Züge annahm. Chamberlain legte auf einen wissenschaftlichen Anspruch Wert und brachte sich damit in einen offenen Gegensatz zu Bayreuth, das auf seiner alleinigen Deutungshoheit über die Werke Wagners bestand. So wurde ein Artikel von ihm, der die verschiedenen Ansätze thematisiert, nicht in den Bayreuther Blättern, dem offiziellen Organ des Hügels, sondern erst 2006 veröffentlicht.

Udo Bermbach beschränkt sich nicht darauf, das Verhältnis des Universalgelehrten zur Familie Wagner zu beschreiben, sondern untersucht auch, wie sich diese Kontakte in Chamberlains wichtigster Schrift und deren Rezeption niederschlagen. Dabei schildert er die Situation vorurteilsfrei und differenziert und macht plausibel, wann Chamberlain sich anbiederte und dafür sogar Fakten fälschte (zum Beispiel im Zusammenhang mit Wagners Beteiligung an der Revolution von 1848), aber auch wo er eine wünschenswerte Distanz zum Werke Wagners und der von Bayreuth geforderten ausschließlichen Interpretation bewahrte. Gleiches gilt für Chamberlains weltanschauliche Grundannahmen wie dem arischen Christentum sowie Entwicklungen, die er vollzog, etwa eine zunehmende Abwendung vom Liberalismus und Hinwendung zum Antisemitismus.

Bermbachs Buch ist ausgesprochen detailreich und fundiert geschrieben, bleibt aber auch für Laien immer gut lesbar. Der Autor geht sehr differenziert an ein schwieriges Kapitel der Wagnerforschung heran, ohne den üblichen Schwarz-Weiß-Malereien zu verfallen.

Arkadi Junold
(www.arkadi-junold.de)

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